Schweiz

«Wenn Betroffene es wollen»

2019 M09 5, Thu 16:00

EVP-Politikerin rudert bei Homo-Heilung zurück

1/5 Die Baselbieter EVP-Ständeratskandidatin Elisabeth Augstburger ist mit Aussagen über die Heilbarkeit von Homosexualität in Kritik geraten.
Elisabeth Augstburger präsidierte schon das Baselbieter Parlament und will jetzt ins Stöckli. Mit ihrer Aussage zur Heilbarkeit von Homosexualität hat sie nun einen Shitstorm ausgelöst. Die «Basler Zeitung» hat der EVP-Ständeratskandidatin Elisabeth Augstburger (58) ein grosses Portrait gewidmet. Dabei wurde die Baselbieter Politikerin auch auf die umstrittene Konversionstherapie für Homosexuelle angespochen. Gemäss der Zeitung vertritt Augstburger die Haltung, die Therapie könne helfen, «sofern die oder der Betroffene das auch will».

WERBUNG Zwang dürfe «auf keinen Fall» ausgeübt werden, wird Augstburger in der BaZ zitiert, doch die Aussage zur Heilbarkeit von Homosexualität blieb im Raum stehen. Umgehend ergoss sich ein Shitstorm sondergleichen über die EVP-Politikerin. Auf Twitter kursieren bereits falsche Wahlplakate, die Augstburgers Haltung anprangern.





Was ist Konversionstherapie?

Konversionstherapie oder Homo-Heilung basiert auf dem Glauben, dass die sexuelle Orientierung eines Menschen durch eine Behandlung geändert werden kann. Das gilt wissenschaftlich als widerlegt.

Bereits 1991 setzte sich der Psychologe und LGBT-Spezialist Douglas Haldeman mit der Praxis auseinander. In einer Methode wurden den Betroffenen homoerotische Bilder gezeigt und gleichzeitig Übelkeit verursachende Medikamente verabreicht oder ihnen Elektroschocks verpasst, schreibt Haldeman.

Eine weitere Methode ist laut Haldeman die religiöse Konversion. Dabei hätten medizinische Laien, meist mit religiös-fundamentalistischem Hintergrund, versucht, Homosexuelle mit spirituellen Mitteln zu bekehren. Das Resultat seien oft Behandelte mit psychischen Problemen von gemindertem Selbstwertgefühl bis zur Selbstmordgedanken.

Andere Methoden würden forcierten Sex mit dem anderen Geschlecht beinhalten, oder das Einflössen des Gedankens, dass die Homosexualität einer Person nur der Versuch sei, vorhandene psychische Schäden zu reparieren.

Nicht nur wirkungslos, sondern auch schädlich

Der Bundesrat taxierte Konversionstherapien in einer Antwort auf einer Interpellation vom 10. März 2016 als «psychisch oder physisch schädlich». Sie sei nicht nur «wirkungslos», sondern auch mit «erheblichem Leid» für die Betroffenen verbunden.

Deshalb gehöre es zu den «Kernaufgaben unserer Gesellschaft», Kinder und Jugendliche vor solchen Behandlungen zu schützen, so der Bundesrat.

Zwang durch Umfeld

«Ich finde es erstaunlich, dass sich eine Ständeratskandidatin traut, öffentlich Homo-Heilungen zu unterstützen», sagt Roman Heggli, Geschäftsführer der LGBTQI-Organisation Pink Cross.

Die von Augstburger angesprochene Freiwilligkeit mache die Sache nicht besser: «Menschen entscheiden sich nur darum für eine Therapie, weil ihnen ihr Umfeld vermittelt, dass sie an einer Krankheit leiden», so Heggli. Das sei auch eine Form von Zwang.

Es sei die Haltung von Menschen wie Augstburger, die dazu führe, dass durch die umstrittenen Behandlungen Personen Schäden erlitten, was schon etliche Suizide zur Folge gehabt habe.

Gegen Umpolung

Im Gespräch mit 20 Minuten distanziert sich Elisabeth Augstburger von «Umpolungstherapien». «Mir geht es nicht darum, dass jemand heterosexuell gemacht wird», sagt sie. Vielmehr sei es für sie wichtig, dass Personen in Problemsituationen eine Ansprechstelle finden, wenn sie eine brauchen.

Im Bezug auf ihre Aussagen in der BaZ relativiert sie: «Ich wurde auf umstrittene Therapien angesprochen und habe nicht so weit gedacht, was das alles umfasst.» Daraufhin habe sie gesagt, dass Personen sich behandeln lassen könnten, die das ohne Zwang selber wollten.

(las)

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